Mit Goris hatten wir den östlichsten Punkt unserer Armenien-Rundreise erreicht. Dieser Reisebericht beschreibt die anschließende Route zum Kloster Tatev und weiter über die 2.500m hohen Pässe bis Meghri an der iranischen Grenze. Da Armenien leider eine Sackgasse ist fuhren wir eine Runde dicht an der Grenze zu Aserbaidschan vorbei wieder hoch in den Norden, verbrachten einige Zeit am kühlen Sewansee um dann im Nordwesten Armeniens wieder nach Georgien einzureisen.
Vorheriger Reisebericht: Armenien 2026 Teil I
Artikelinhalt
30.06.2026-Devil’s Bridge-40km
Die Devil’s Bridge liegt nahe dem Kloster Tatev ganz unten in der Schlucht des Worotan.
Nein, es ist keine Brücke, hier verengt sich die wilde Schlucht, bis die oberen Wände zusammenstoßen und so eine Art Naturbrücke bilden. Hier windet sich der Fluss hindurch und hat pittoreske Felsformationen und Auswaschungen geschaffen.
Dumm nur, um die richtig genießen zu können, muss man sich 15m an einer senkrechten Wand abseilen. Man wird zwar gesichert, aber man muss ja wieder hoch klettern, also für gänzlich dem Sport abgeneigte Menschen is dat nix.



Hermitage Tatev
Vom Parkplatz aus kann man auch eine kleine 2,5km Wanderung hin und zurück zu der alten und verlassenen Hermitage Tatev aus dem 17. Jahrhundert unternehmen.
Verlassen stimmt nicht so ganz, denn ein Mönch lebt hier noch und passt wahrscheinlich auf, dass niemand alte Steine klaut😉
Man muss dabei nur einmal durch den Worotan waten. Die 30m runter, hoch, wieder runter und wieder hoch dürften ja zu schaffen sein auch wenn es teils rutschig ist 😉
Es gibt Menschen, dazu gehören auch wir, die beeindruckt diese alte verlassene Hermitage mit seinem ganz besonderen Flair mehr als der touristische Spot des neuen Klosters.








01.07.2026-Berge um Kapan-60km
Da unser gestriger Nachtplatz nicht unbedingt der Ruhigste war, sind wir recht früh auf. Nun, dann können wir auch das Kloster Tatev besichtigen, auch in der Hoffnung, dass es so früh touristenfrei ist.
So war es denn auch und bar ohne Menschen ist es auch ganz nett anzuschauen. Trotzdem, wie gestern schon angedeutet, fehlt ihm etwas. Diese gewisse mystische Aura, die man in der verlassenen Hermitage spürt und hier schlicht weg ist.
Der größte Reiz besteht eigentlich lediglich in der Architektur und der Lage. Also wenn man von den wenigen Standorten die richtige Perspektive erwischt.
Wir erstanden noch ein frisch gebackenes Gata, eine Kalorienbombe, getarnt als süße Spezialität des Klosters mit einer Walnussfüllung.
An einer Ecke hatten wir noch ein iranisches Pärchen aufgegabelt, die per Anhalter unterwegs sind und bis Kapan mitgenommen. Die Beiden hatten wir gestern schon an einer Quelle getroffen.
Anschließend zog es uns weiter und hatten hinter Kapan einen netten Nachtplatz mitten in den wild zerklüfteten Bergen gefunden.


Kloster Tatev
Das Kloster Tatev ist ein im Jahr 895 gegründetes armenisch-apostolisches Kloster und soll eines der bedeutendsten Architekturdenkmäler des Landes sein.
Seit dem 16. Oktober 2010 ist das Kloster durch eine Seilbahn (Wings of Tatev) über die Worotan-Schlucht mit dem Ort Halidsor verbunden, wo man In elf Minuten das Kloster erreichen kann. Die Seilbahn ist mit 5750 Metern die längste, in einer Sektion mit einem durchgehenden Tragseil ausgeführte Pendelbahn der Welt.
Die Seilbahn ist eigentlich die angenehmste und gleichzeitig mit der Aussicht in die Schlucht auch eine imposante Art das Kloster Tatev zu erreichen, denn dann erspart man sich die schlängelige Fahrt mit den Serpentinen durch die tiefe Schlucht. Ihr könnt euch nun vorstellen, was hier touristisch los ist!
Wobei, angenehm ist eine mehr als subjektives Empfinden. Des Einen angenehm und imposant spannend, ist dem Anderen schlicht der Horror!
Da meine liebste Ulrike der 2. Gruppe zuzurechnen ist, haben wir/ich auf die Fahrt mit der Seilbahn verzichtet.
Auch im Nachhinein betrachtet, ich hätte mich über die 44€ für zwei Personen geärgert. Die schönen Aussichten in die Schlucht hat man auch von der Straße aus und die besten Eindrücke gewinnt man, wenn man die Schlucht erläuft.









Darum, auch wer nicht vorhat, über die Pässe weiter zu fahren und die Seilbahn genutzt hat, sollte dennoch den Abstieg durch die Schlucht bis zur Devils Bridge fahren. Unternehmt von dort aus auch die Wanderung durch die malerische Schlucht zur verlassenen Hermitage Tatev und schaut euch auch den Slot Canyon an, wirklich, es lohnt sich!
02.-4.07.2026-Rundtour Tatev-Meghri-Tatev-220km
Wer vor hat, wie wir die Runde über die M2, Meghri und zurück über die M17, eigentlich richtig H-63, zurück nach Tatev zu fahren, sollte wissen, dass im Arevik– wie auch im östlich gelegenen Shikahogh-Nationalpark das Übernachten in den Parks verboten ist
Insgesamt sind die Übernachtungsplätze eher spärlich gesät, zumindest wenn man wie wir verwöhnte Naturen gewisse Ansprüche an einen Nachtplatz stellt.
Nachtplätze
Beim alten Fort Baġhaberd gibt es im Norden der M2 und südlich davon zwei Plätze.


Bei Lichk gibt es einen offiziellen Zeltplatz der im Sommer von der Arevik-Parkverwaltung betrieben wird. Der ist allerdings wegen einer engen, tiefen und steilen Furt nur mit Jeep erreichbar.



Auf der M17/H-63 gibt es nur einen einzigen, dafür traumhaft schönen (Picknick-)Platz, sogar innerhalb des Shikahogh-Nationalparks gelegen, wo das Übernachten zumindest toleriert wird. Hier wird auch laufend Pass und Zollpapiere kontrolliert.


Danach wars das, in und um Meghri würden wir nicht für Geld stehen wollen. Wir haben ansonsten keinen weiteren Nachtplatz gefunden, der unseren Ansprüchen genügt hätte.
Tourbeschreibung
Die M2 südwärts ist bis auf einer Stelle beim Fort landschaftlich recht langweilig und dort wo sie nett erscheint, wird die sie durch Baustellen und Bergbau zerstört.
Erst vor Meghri ändert sich die Landschaft vollständig. Die Berge erscheinen faszinierend schroff und wüstig wild mit grünen Tälern.


Die M2 ist die Hauptverbindung zum Iran und entsprechend ist der LKW-Verkehr.
Das ist durchaus spannend zu nennen, wenn sich die 40 Tonner durch Ortschaften zwängen. Ebenso spannend die Fahrweise! Die Trucker nehmen auf nichts Rücksicht und fahren, als wenn sie unbedingt sterben wollen! Selbst vor uneinsichtigen Kurven und Engstellen überholen sie sich wie im Wahn gegenseitig.
Hinter dem kleinen Meghri, hier lohnt ein Stopp bestenfalls für einen Einkauf, befindet sich ein Aussichtspunkt mit einem Traum von Aussicht in das Tal des Aras und die hohen Gebirgszüge des Iran.
Die ganze Landschaft gibt einem das Gefühl, scheinbar Armenien verlassen zu haben und sich im Iran, bzw. in der arabischen Welt zu befinden.


Danach führt die M17/H-63 wieder bis aus 2.300m hoch in die kahlen und schroffen Berge, bis zu dem oben erwähnten Picknick-Platz.
Hinter der Passhöhe ändert sich die Landschaft wieder, es wird grün, sanft und wieder ein wenig wie im Schwarzwald, also eher unspannend.



Weniger unspannend ist die teils zerstörte Straße, all die Baustellen wo man den Eindruck gewinnt, die Armenier bauen einen West-, äh, Ostwall auf.
Die ganze Strecke zieht sich mit all den engen Kurven, Serpentinen sowie hoch und runter wie Gummi.




Lohnt sich der Aufwand überhaupt?
Die rund 40km bei Meghri und über die M17 wieder hoch in Berge mit den Ausblicken war schon faszinierend.
Aber 220 km über meist langweilige Landstraße, LKW-Verkehr und die spezielle M17, alles für davon ca. 40km tolle Landschaft?
Das muss halt jeder für sich abwägen…
05.07.2026-Vorotan-53km
Am gleichnamigen Fluss liegt, eingebettet in einer faszinierenden Basalt-Felslandschaft, das kleine Dorf Worotan.
Nach der Vertreibung der Asiris im Bergkarabach-Krieg in den 90gern wird es heute von armenischen Flüchtlingen aus Aserbaidschan bewohnt.
Hier soll es auch einmal bis in die 80er einen mittelalterlichen muslimischen Friedhof sogar mit Grabsteinen aus vormuslimischer Zeit gegeben haben. Aber wie die Menschen so sind wenn etwas nicht in ihren Kram passt, es wird zerstört.
Uns interessierte allerdings eher der Warmwasser-Pool neben einer halbfertigen Ruine eines geplanten Heilbades aus der Sowjetzeit und die Melik-Tangi Brücke aus dem 17. Jahrhundert.
Bekannte sind da mit ihrem 5T-Womo rüber, ich mein, man muss ja wirklich nicht alles machen was geht. Tja, damals wurde noch mit einfachen Mitteln für Jahrhunderte gebaut, in Deutschland kracht alles nach ein paar Jahrzehnten zusammen und können es nichtmal neu aufbauen😂






07.07.2026-Crossway Camping-120km
Zunächst nahmen wir heute Morgen erst einmal ein sprudelndes, warmes Mineralwasserbad. War schon irre, nicht nur der starke Blubberstrahl, sondern das Wasser an sich perlte dermassen, dass feinste Tröpfchen aus dem Wasser sprangen.
Dies dann in der Umgebung, einfach cool!
Übrigens, Armenien haben wir bisher als das sauberste Land kennen gelernt. Gestern hatten wir unseren Platz erst mal grob gereinigt, sah ja schlimm aus und heute Morgen nach der Badeparty gestern, na ja. Wir verstehen es einfach nicht…



Da es auf unserem Weg lag, besuchten wir auch noch das Kloster Vorotnavank.
Das gehört für uns wieder zu jenen, die von weitem am schönsten aussehen.
Es wird gerade renoviert und schon jetzt sieht es selbst so halbfertig schon überrenoviert aus und wird seinen Charme wahrscheinlich gänzlich verlieren. Von innen habe ich erst gar keine Bilder gemacht…



In Sissian haben wir noch zufällig einige Grabsteine aus der vormuslimischen Zeit entdeckt. Die stammen vom in Vorotan zerstörten Friedhof, die gerettet werden konnten.
Überhaupt, unterwegs befinden sich überall wahrscheinlich uralte Gräber, leider teils zerstört.


Nach einem Zwischenstopp auf unserem Nachtplatz auf der Hochebene haben wir dann den Crossway Camping angefahren, da wieder einmal waschen angesagt war.
Was soll ich sagen, das ist auch wieder solch eine kleine Perle. So toll mit viel Liebe zum Detail hergerichtet. Man steht im Grünen, hat viel Platz und dazu noch einen Pool.
Wer es benötigt, auch hier gibt es eine vollausgestattete Küche mit allem drum und dran.
Und die Betreiberin ist so etwas von nett! Mensch, wir werden noch zu Campern😁



09.07.2026-Varenyats Pass/Martuni-57km
Die Wäsche ist gewaschen und langsam wurde es uns hier unten zu heiß, also wieder ab in die Höhe.
Ziel ist der Sewansee, der auf über 1.900m n.n. liegt und dort ist es natürlich deutlich kühler.
Zuvor galt es den Varenyats oder auch Selim Pass der durch das Varenyats– oder, keiner weiß wie man hier was richtig schreibt, Wardenis-Gebirge führt, zu überwinden. Auf 2.000m Höhe legten wir zunächst einmal in herrlicher Landschaft einen Stopp für die Nacht ein.



Auf der Passhöhe in 2.410m Höhe befindet sich die 1332 errichtete Orbelian Karawanserei, um den Reisenden die durch die Vayots Dzor Gebirgsregion zogen eine Unterkunft zu bieten. Man muss wissen, wir befinden uns hier auf der Seidenstraße.





Untypisch für einen Pass ist, dass sich die Straße rund 15km auf einer Höhe von 2.300m im leichten auf und ab über eine faszinierende Hochebenenlandschaft mit Einschnitten und sogar mit Flussandschaften schlängelt.
Zum Erkunden, so meint GoogleMaps, führen zig abenteuerliche Pfade und Pisten für Wanderer oder auch 4×4 durch die Gebirgsregion zu Wasserfällen, Klöstern und anderen Sehenswürdigkeiten wie z.B. zum Krater des Vulkans Armaġan.
Wir sollten echt noch einmal mit einem anderen Fahrzeug wiederkommen…




Unseren Nachtplatz hatten wir in einem riesigen, umwerfend traumhaft schönen Märchenwald bei Lichk gefunden.




Lichk-Waldspaziergang
Der ca. 4,5 x 2,5km große Mischwald bei Lichk erscheint wie aus einem Märchen.
Kleine offene Flächen wechseln mit Buschwerk und eigentlich ist die ganze Landschaft mit einer blumigen Grasfläche durchzogen.
Kleine Flüsse wie der Cakk‘ar, Ličk‘ oder wo wir uns befinden, der Argič‘i mäandern durch die Landschaft.
Und, trotz fast Mitte Juli ist alles grün und der Boden ist ein Meer an blühenden Blumen.
Dies ist wohl der Höhe geschuldet, denn auf 2.000m schafft es auch die Hitze nicht so leicht hier hin.
Das ganze Gebiet ist durchzogen von Pfaden und Wegen die irgendwelche Menschen mal geschaffen haben. Die sind natürlich auf keiner Karte verzeichnet, also wer den Wald erkunden möchte, sollte seine Wanderung mit einer Kartenapp tracken.
Da es hier des Öfteren auch mal regnet, kann die Zufahrt mit dem dann entstehenden Matsch recht tricky sein. Kratzer sollte man bei größeren Wohnmobilen einkalkulieren und mit Überhängen aufpassen da der „Hauptweg“ durch etliche Senken führt.
Auch Mücken lieeeben natürlich diese Landschaften, Mückenschutz sollte dabei sein.






11.07.2026-Noratus-30km
Sollte es eigentlich nicht so sein, dass, wie der Name es schon so sagt, Follower einem Folgen?
Was ist, wenn ein Gefolgter, also wir, einem Follower folgen, dazu einem schon ein wenig, natürlich im positiven Sinne, liebenswert durchgeknallten Menschen?
Richtig, das kann nur abenteuerlich „lustig“ werden, wenn es dann heißt, och, komm doch einfach mal vorbei…
Die erste Piste zum Nachtplatz traute ich mich wegen der Schräge bei den Auswaschungen nicht zu fahren. Ihr müsst wissen, beim hohen Bimo bin ich ein kleiner Schräglagenparanoiker🙃
Die Alternativpiste war aber auch nicht viel besser. Zwar keine Schräglage, dafür eng mit harten, teils mit Dornen besetzten Ästen.
Also war Freischneiden angesagt und wir brauchten für die 1,5km 1 1/2 Stunden.
Klar, dass Bimo neue Narben bekommen hat.




Dafür war die Belohnung ein traumhaft schöner Platz am Sewansee und ein Zusammentreffen mit tollen Menschen.



Noratus Wanderung
Von unserem wunderschönen Platz am Sewansee unternahmen wir natürlich auch eine rund 14km Wanderung zu den beiden Sehenswürdigkeiten des kleinen Ortes Noratus.
Der Friedhof von Noratus, ein ca. 7 Ha großes mittelalterliches Gräberfeld.
Mit seinen rund 900 Chatschkaren, dies sind kunstvoll gehauene Gedächtnissteine mit einem Reliefkreuz, beherbergt der Friedhof das größte Feld seiner Art weltweit.
Die ältesten Grabsteine stammen aus dem 1. Jahrhundert n.Chr.
Daneben befindet sich auch gleich der neue Friedhof, der teilweise ungewohnt pompös erscheint.






Ca. 3 km weiter befindet sich auf einem Hügel eine kleine Kapelle mit äußerst sehenswerten Kreuzsteinen, die in dieser Gegend übrigens überall herum stehen oder liegen. Von hier aus hat man eine Wahnsinnsaussicht auf die Ebene mit einem Vulkankegel bis zum kleinen Kaukasus.
Alleine die Wanderung durch diese Landschaft war für uns ein Erlebnis.



13.07.2026-Lichk-24km
Nun denn, wir sind dann, um Kratzer zu vermeiden, über das steile und schräge Stück Piste zurück gefahren, was mir Paranoiker allerdings einige schlaflose Nächte bereitet hatte😉
Aber wir müssen ja schließlich wieder zurück und wollen am Sewansee kein Domizil einrichten.
Nach dem Studium von Formeln über Kipppunkte und einem Schräglagentest hatte ich dann den Aufstieg auf der schiefen Ebene gewagt. Letztendlich war alles halb so schlimm, anders, als der Weg vermuten ließ.


Wir sind dann anschließend wieder ein Stück zurück nach Lichk zu unserem Märchenwald gefahren.
14.-29.07.2026-Sewansee Route-240km
Wir hatten unseren Märchenwald wieder verlassen, denn so schön er auch ist, irgendwann gewinnt der Kühlschrank eben doch gegen die Romantik. Also ging es nach Gavar, um dort unsere Vorräte wieder auf ein überlebensfähiges Niveau zu bringen.
Anschließend haben wir uns irgendwo direkt am Sewansee niedergelassen. Nun grübeltenn wir, wie die weitere Route aussehen soll.
Hier oben auf der Hochebene herrscht ein herrlich frühlingshaftes Klima. Fährt man allerdings von hier hinunter, wird man selbst auf 1.000 Metern Höhe schon langsam durchgegart. Da kommt einem fast der Gedanke: Vielleicht sollten wir einfach am Sewansee übersommern🤷♂️
Also zockelten wir erst einmal einfach um den See herum.



Klima am Sewansee
Das Klima hier ist wirklich faszinierend. Die Lufttemperatur liegt tatsächlich meist nur bei angenehmen 23 Grad, nachmittags vielleicht mal bei 24. Aber diese Sonne! Auf über 1.900 Metern Höhe arbeitet sie offenbar voll im Infrarot-Modus. Die Luft bleibt angenehm kühl, doch alles, worauf die Strahlen treffen, wird erstaunlich heiß.
Wenn dann auch noch der Wind Pause macht, fühlt man sich wie das Grillgut auf einer modernen Infrarot-Grillstation. Zum Glück weht am See fast immer ein Lüftchen, das sich gerne auch mal zur ordentlichen Brise entwickelt. Dann sitzt man plötzlich wieder freiwillig in der Sonne, weil es im Schatten schon fast zu frisch wird. 🙃
Doch Vorsicht, die UV-Strahlung legt hier auch zu und die Auswirkungen bemerkt man in brennender Form erst später😉




Sobald man allerdings in einen Ort oder eine Stadt kommt, wo der Wind nicht mehr mitspielt, ändert sich das schlagartig. Obwohl das Thermometer weiterhin moderate Temperaturen zeigt, hat man das Gefühl, man befände sich in einem modernen Infrarot-Backofen denn anders als auf dem Grill wo lediglich das Grillgut erhitzt wird, heizen sich hier die Gemäuer und Straßen ja auch auf.
Begegnungen
Was für Tage…
Eigentlich war uns von Anfang an klar: Wochenende, traumhafter Nachtplatz am See und dazu noch bestes Wetter…
Die Wahrscheinlichkeit, dass wir lange alleine bleiben werden, lag ungefähr bei Schneefall in der Sahara😁



Yeratumber
Direkt neben uns machten es sich zwei armenische Familien gemütlich. Und da war sie wieder, diese legendäre armenische Gastfreundschaft. Plötzlich standen Basturma, ein herrlich würziger Rinderschinken, ummantelt mit einer dicken Paste aus Bockshornklee, Knoblauch und Paprika, sowie Sujuk, die armenische Salami, vor unserer Nase.
Doch damit nicht genug. Für den nächsten Tag wurden wir zu einer 4×4-Tour auf den 2.460 Meter hohen Vulkan Yeratumber mit seiner historischen und heiligen Pilgerkirche Heilig Kreuz eingeladen.



Auf den Vulkan hatte ich ohnehin schon ein Auge geworfen, allerdings die Anfahrt mit Bimo gedanklich längst unter der Rubrik „Vergiss es ganz schnell!“ abgeheftet.
Von Gavar aus ging es im Land Cruiser unserer Gastgeber bergauf. Nun bin ich ja nicht gerade der große Offroad-Spezialist, aber eines wurde mir sehr schnell klar: Bimo hätte diese Strecke höchstens als abschreckende Sehenswürdigkeit überlebt. Der steile Track mit seinen Auswaschungen, Felsen, Geröllfeldern und losem Schotter brachte selbst den Land Cruiser gelegentlich an seine Grenzen. Mehrmals setzte er so herzhaft auf, dass es mir schon beim Zuhören in den Ohren weh tat.
Oben angekommen erwartete uns ein atemberaubender Blick über das vulkanische Hochland, den Sewansee und bei klarer Sicht, die uns heute leider nicht vergönnt war, bis hinüber zum Ararat.
Vielen herzlichen Dank an Khachik für dieses großartige Geschenk.




Spontan-Konzert
Damit war der Tag aber noch lange nicht vorbei. Wieder zurück am See wurden wir sofort erneut in Beschlag genommen und mussten uns tapfer durch allerlei Köstlichkeiten probieren. Unser geplanter Kochabend war damit aus Mangel an Platz im Magen offiziell abgesagt.
Wir lernten hierbei eine junge multitalentierte Armenierin kennen, die sich um eine Gruppe Inder gekümmert hatte, dazu eine hervorragende Köchin und wundervolle Sängerin ist.
Letzte Sewansee-Impressionen
Mehr als 2 1/2 Wochen haben wir nun an verschiedenen traumhaft schönen Plätzen am Sewansee verbracht und sind der Hitze entgangen. Dann wurde es doch mal Zeit, wieder andere Gefilde aufzusuchen.
Hier noch ein paar letzte Impressionen.




30.07.2026-Dilijan-35km
Dilijan wird wegen seiner Wälder und frischer Bergluft oft auch als die „armenische Schweiz“ bezeichnet. Schon interessant, wer und was sich alles so als „Schweiz“ betitelt. Ok, man muss ja für sich werben, wenngleich das meist wie auch hier leicht übertrieben ist. Schwarzwald wäre zwar passender, klingt aber nicht so interessant.
Im eher nichtssagenden Ort selber ist es die Sharambeyan-Straße, eine recht kurze kopfsteingepflasterte Straße im alten Dilijan mit traditioneller Holzarchitektur des 19. Jahrhunderts und natürlich aufgehübscht mit etlichen Souvenirläden die vielen Besuchern sehenswert erscheint. Nein, für uns ist so ein Touritrubel einfach nichts.
Anschließend folgte noch ein Bummel durch den recht lostigen Stadtpark, ein Projekt aus 2015, dass das Stadtbild aufbessern und eine Oase der Entspannung sein sollte.
Nachdem der Initiator wegen Unregelmäßigkeiten hinter schwedischen Gardinen landete, ließ man das Gelände für uns unverständlicherweise verfallen.








31.07.2026-St. Hovhannes/Hartaghyug Kapelle-100km
Die kleine unscheinbare Saint Hovhannes Kapelle, oder Kapelle von Hartaghyug oder Galtaxchi liegt auf einer Bergspitze auf 2.157 m n.n.
Angeblich sollen hier im 13. Jahrhundert Reliquien des Johannes des Täufers gebracht worden sein.
Um die Kapelle ranken sich zahlreiche Legenden über Heilungen und Gebetserfüllungen wodurch die unter Armeniern bekannte und wichtige heilige Stätte ein beliebtes Pilgerziel ist.
Bevor sich Gott vielleicht erbarmt, Wünsche in Erfüllung gehen zu lassen, steht ein beschwerlich steiler, teils rutschiger Aufstieg von ca. 2,5 km Länge mit 400 Höhenmetern bevor.
Dazu sind natürlich in der Kapelle Kerzen zu entzünden und ein Kreuz zu hinterlassen!
Wahrscheinlich je nach Intensität des Wunsches oder weil der Gläubige Druck auf seinen Gott ausüben möchte, fallen die Kreuze von klitzeklein an Kettchen, über Kleinere die überall verteilt oder befestigt werden über riesige, teils tonnenschwere Kreuzsteine aus.
Hartaghyug ist also eine Art Lourdes und Berg der Kreuze (Litauen).
Man kann sich auch mit einem 4×4 Taxi nach oben karren lassen und erspart sich die Kraxelei.
Inwieweit das Auswirkungen auf die Wünsche hat, oder ob all die Menschen überhaupt in die Kapelle gehen, keine Ahnung.
Wir sind die 4km-Strecke herunter gelaufen und teils war selbst dies nicht so einfach.
Die ist aber mit dem landschaftlichen Auge betrachtet ein Erlebnis. Also wer fahren kann und einen hochbeinigen 4×4 hat…







02.08.2026-Gyumri-35km
Also, nach Gyumri sind wir nun wirklich nicht wegen des Bieres gefahren, auch wenn wir dessen Qualitäten durchaus zu schätzen wissen. Der wahre Grund war deutlich pragmatischer: Es war einfach eine angenehme Etappe und davor wie danach war nicht wirklich ein netter Platz in der Natur zu finden.
Zunächst hat uns Mutter Armenia empfangen wo wir auch die Nacht verbracht hatten. Nebenan befindet sich das ehemals russische Schwarze Fort, das heute als kultureller Veranstaltungsort dient.
Dann die stählerne Fontäne, ein Gebilde aus Sowjetzeit, heute verrostet es in einem lostigen Gelände.
An vielen alten und historischen Gebäuden ist die Glorie vergangener Zeiten zu erkennen.
Dann hätten wir noch den Basar wo man einfach alles bekommen kann, sogar die Fleischer machten mal einen guten Eindruck.
Also wenn man von aus wieder auf dem Weg nach Georgien ist, oder auch umgekehrt, kann man hier durchaus einen Stopp einlegen.






03.08.2026-Marmashen Vank-35km
Heute war, oder besser ist nun unser vorletzter Tag in Armenien. Und ein Land wie Armenien kann man schließlich nicht verlassen, ohne vorher noch ein Kloster besucht zu haben😉
Das verlassene Kloster Marmashen Vank soll denn das Letzte in Armenien sein.
Wenngleich das Kloster verlassen ist, heißt das nicht, dass es nicht besucht wird, zumindest von den Armeniern. Damit sie es einfach haben, ist die Zufahrt recht gut ausgebaut.
Die Geschichte des Klosters geht bis um 904 n.Chr. zurück und hier war wohl richtig was los.
Seldchuken, Mongolen, Byzantiner, Osmanen, Armenier aus den unterschiedlichsten Dynastien und wer weiß noch haben sich hier laufend die Köppe eingeschlagen.
Die Osmanen und damit es wirklich endgültig sein sollte, bereitete die Natur dem Kloster mit einigen Erdbeben, zuletzt 1926 ein Ende.
Zwar versuchte Ende des 19. Jahrhunderts ein Katholikos noch zu retten, was zu retten war, die Natur blieb jedoch bei ihrer Meinung. Später probierten es die Sowjets mit Restaurierungen und 1990 durften auch noch italienische Restauratoren ihr Glück versuchen, obwohl die Natur 1988 vorsorglich schon wieder ein Erdbeben vorbeigeschickt hatte.
Warum man einem Ort, der von der Natur und allen möglichen Gruppierungen offenbar seit Jahrhunderten konsequent als klosterfreie Zone ausgewiesen wird, trotzdem immer wieder ein Kloster aufzwingen möchte, bleibt mir ein Rätsel. Aber ok, so gibt es für uns ein paar alte Steine zu bestaunen.






Ein Stück weiter, am Flüsschen Hogmajur, fanden wir unseren letzten Nachplatz in Armenien. Hierher dürfte sich wohl auch kaum ein Tourist verirren.
Wer sich dennoch hierher verirrt, kann allerdings auf Entdeckungsreise gehen. Die ganze Gegend ist bis zurück in die Bronzezeit übersät mit Relikten aus vergangenen Zeiten.
04.08.2026-Hartashan Megalith Allee-30km
Auf dem Weg nach Georgien hatten wir noch einen kleinen Abstecher unternommen.
Wie gestern erwähnt, ist die gesamte Region voll von jahrtausende alten Relikten die hier so einfach völlig unbeachtet herum liegen.
Unser Auge ist da auf die Hartʻašeni megalitʻyan hušarjan gefallen. Könnt ihr nicht aussprechen? Ich auch nicht🙂
Da man ja, wahrscheinlich wegen dem umfangreichen armenischen Alphabet, als Europäer schreiben kann wie man möchte, nenne ich es mal Hartashan Megalith Allee.
Es wird vermutet, dass die Anlage so um 3.000 v.Chr. erschaffen wurde. Von wem, welchem Volk und zu welchem Zweck streiten sich die Gelehrten.
Die Deutungen reichen von Sternwarte bis hin zu einem Friedhof. Auf uns wirkte die Anlage eher wie eine frühzeitliche Schnellstraße mit Mittelstreifen für Kampfwagen.
Vielleicht hatten Bauern auch einfach nur Langeweile und stellten die Findlinge so auf um die Nachwelt zu verwirren.


Anschließend ging es weiter nach Georgien. Zwei großartige Monate in Armenien gehen zu Ende. Aber wie meinte Paulchen Panther immer so passend: „Heute ist nicht alle Tage, wir kommen wieder, keine Frage.“ 😉
Der nächste Reisebericht also: Georgien 2026 Teil III (in Vorbereitung)

